Text aus einer veröffentliche Interview mit Remo Largo, dem bekanntesten Kinderarzt und Jugendkenner der Schweiz.
Um ein Kind aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf.
Jetzt sind die meisten Familien auf einen bis zwei Elternteile und eines oder zwei Kinder geschrumpft. Eine sinnvolle Sozialisierung ist auf diese
Weise gar nicht mehr möglich.
Historisch gesehen, waren die Eltern nie die einzigen Bezugspersonen für Kinder, sondern es gab immer ein grosses sozial Netz von Erwachsenen und jede Menge Kinder, die als Vorbilder für die
Sozialisierung dienten.
Von der Vorschule bis die Oberschule sitzen doppelt so viele Buben wie Mädchen in den leistungsschwachen Klein- und Sonderschulklasse. Das gleiche
Bild auf der Sekundarstufe:
Je tiefer das Niveau, umso mehr Buben sitzen in der Sek C, der früheren Realschule, am wenigsten
in der Sek A.
Die Mädchen werden systematisch bevorzugt, die Buben hingegen diskriminiert.
Wir haben jetzt dreissig Jahre Frauenemanzipation hinter uns, wogegen auch gar nichts einzuwenden ist. Alle haben sich um bessere Chancen für Mädchen gekümmert.
Heute muss man sich frage, wie es eigentlich den Buben geht.
Die Männer stehen nicht für die Buben ein, weil sie noch gar nicht richtig begriffen haben, was geschehen ist. Im unterschied zu den Mädchen fehlt
den Buben eine Lobby.
Woran liegt es, dass Mädchen in der Schule besser sind?
Sind Buben dümmer?
Sie sind nicht dümmer, sie sind anders. Buben haben andere Interessen und andere Motivationen als Mädchen. Deshalb brauchen sie andere
Lernbedingungen.
Die schwachen Schulleistungen der Buben liegen daran, dass im heutigen kompetitiven System mit Noten, Prüfungen und generellen Lehrplanzielen die Mädchen im Vorteil sind.
Denn erstens reifen sie rascher heran. Im Alter von 12 Jahren sind sie einem Buben entwicklungsmässig im Durchschnitt um eineinhalb Jahre voraus. Zweitens haben Mädchen eine höhere
Sprachkompetenz, was ihnen bei der Sprachlastigkeit der Lehrpläne ebenfalls zugutekommt. Sehr wichtig ist zudem die Arbeitshaltung: Mädchen sind fleissiger, zuverlässiger und angepasster. Buben
sind erzieherisch aufwendiger. Geht es um Ordnung, Fleiss und Pünktlichkeit, haben Buben zum vornherein verloren.
Der gute Schüler von heute ist ein Mädchen. Das liegt aber nicht an seiner Kompetenz, sonder an seinem Verhalten. Aber es darf doch nicht sein, dass
die heutige Pädagogik die Buben ausgrenzt, weil sie nicht so pflegeleicht sind wie Mädchen. Die Buben werden verpathologisiert, weil wir sie nicht so haben wollen, wie sie nun mal sind.
Buben lassen sich nicht gleich sozialisieren wie Mädchen. Insgesamt ist die weibliche Sozialkompetenz tatsächlich etwas höher, was daran liegt, dass
Frauen die Kinder aufziehen und ein grosser Teil der Kommunikation mit dem Baby nonverbal ist. Deshalb können Frauen ihre Kinder- und Menschen ganz generell - besser lesen und auf sie
reagieren.
Die schlechtesten Chancen haben Buben mit Stärken, die nicht benotet werden, und mit Schwächen, die die Schulkarriere knicken. Zum Beispiel Knaben
mit ausgezeichneten handwerklichen Fähigkeiten und einer Legasthenie. Auch mathematisch-naturwissenschaftliche, motorische und musische Fähigkeiten werden unterbewertet.
Wichtig wäre, den Besonderheiten der Knaben mehr Rechnung zu tragen. Also zum Beispiel weniger Grammatik und Vokabeln büffeln und stattdessen zum
Beispiel mehr unter Anleitung herausfinden, wie eklektischer Strom entsteht und verwendet werden kann, indem man ein Wasserkraftwerk besucht oder einem Elektriker bei seiner Arbeit
zuschaut.
Reiche Eltern pushen ihre Söhne eben mehr in Lernstudios und im Nachhilfeunterricht. Vermutlich hat Zürich nicht nur weltweit am meisten
psychoanalytische Praxen, sonder auch am meistens Lernstudios. Aber dort geht es nicht um Lernen im Sinn von Verstehen, sonder es geht ums drillen, um Bestehen von Prüfungen. Nur braucht diese
Gesellschaft nicht Menschen, deren Bildung nur aus stupidem Auswendiglernen besteht.
Der Unterricht muss individualisiert werden, denn die Vielfalt der Kinder ist biologische Realität. Sie wird dann verleugnet, wenn man nicht weiss,
wie man pädagogisch mit ihr umgehen soll. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass es für das Individuum wie für die Gesellschaft das Beste ist, wenn der Einzelne seine Stärken möglichst gut
verwirklichen kann, die in ihm schlummern.
Orientieren wir uns also an den Fähigkeiten des einzelnen Kindes und machen eine Schule, die diese möglichst fördert und dadurch kompetente und
selbstbewusste Menschen heranzieht.
Das Gesetz spricht von Individualisierung und fordert gleichzeitig verbindliche Lehrplanziele.
Das ist ein Widerspruch. Man kann natürlich auf der Erfüllung dieser Lehrplanziele bestehen, aber de facto werden sie nicht erfühlt. Obwohl an alle Kinder die gleichen Anforderungen gestellt
werden, sind sie nach neun Schuljahren verschiedener denn je.
Diese Lehrplanziele orientieren sich nicht an den Bedürfnisse der Kinder. Sie werden von Bildungsbürokraten und -Technokraten entwickelt, die sie
selber in den Schulstuben nicht durchsetzen müssen. Die Lehrplanziele sollen einen hohen Bildungsstand sicherstellen, erzeugen aber nur einen enorme Druck bei Kinder, Eltern und
Lehrpersonen.
Kinder mit dauernd ungenügenden Noten geraten unter enormen Stress. Es kommt zu Schulverweigerungen, das Selbstwertgefühl wird ruiniert, obwohl doch
die Motivation zum Lernen und das Selbstwertgefühl genauso wichtig sind wie das Aneignen von Fertigkeiten und Wissen.
Entscheidend ist: Glaubt man, ob Kinder von sich aus lernen möchten? Oder ist man der Ansicht, ohne konkretes Leistungsziel würden sie ganz einfach gar nichts tun?
In all meinen Jahren als Entwicklungsspezialist habe ich noch nie ein Kind gesehen, das nicht lernen will. Wählt man aber einen falschen
pädagogischen Ansatz und überfordert das Kind, kann es mit einer Lernblockade reagieren. Sie können einem Kind Dinge eintrichtern wie in der Koranschule, aber Sie können ihm absolut nichts
beibringen, wozu es nicht selber bereit ist.
Das Kind bestimmt mit seinem Entwicklungsstand, wozu es zu lernen bereit ist. Hier bin ich nun wirklich kompromisslos, und wer das Gegenteil behauptet, vertritt keine kindergerechte
Pädagogik.
Die Lehrer/innen müsste viel mehr Gestaltungsmacht haben, anstatt nur zum Ausführen eines Lehrplans genötigt zu werden. Den Lehrern müssen endlich
die Verantwortung, die sie letztlich auch tragen, und das notwendige Vertrauen gegeben werden.
Natürlich brauchen sie Lehrmittel und methodischen Hilfen, damit sie gut arbeiten können. Sie sollten sich aber am Kind orientieren können und nicht an Lernzielen, die von Fachleuten festgelegt
werden, die selber nicht unterrichten.
Eine gute Pädagogik sollte sich am Kind und seiner Entwicklung und nicht an den Bedürfnissen von Institutionen orientieren.
Damit ein Kind gut lernen kann, muss er sich von der Lehrperson angenommen fühlen und spüren: Die Lehrerin mag mich als Person und nicht nur wegen meiner Leistung.
Ein Kind der sich abgelehnt oder ignoriert fühlt, hat wenig oder gar keine Motivation. In der Schule ist es wie in der Familie: Die Kinder brauchen
Beziehung, um sich zu entwickeln.
Kinder sind für Eltern und Lehrer am besten durch eine vertrauensvolle Beziehung führbar. Gibt es diese nicht, muss viel mehr Disziplin eingefordert
werden.
Die meisten Eltern möchten sich wirklich um die eigenen Kinder kümmern. Doch die Realität sieht anders aus: 75 Prozent der Mütter von Schulkinder
sind berufstätig, und 40 Prozent dieser Kinder sind zu Hause nicht beaufsichtigt. Die Frage ist: Wollen wir den Fernseher als Ersatzsozialisierung?
Die Krippen dienen nicht der Aufbewahrung von Kindern. Gute Krippen leisten einen Beitrag zur Sozialisierung der Kinder und vermitteln ihnen
Entwicklungs-erfahrungen, die ihre Eltern ihnen oft nicht geben können. In Tagesschule geben Lehrer nicht nur Unterricht, sonder betreuen die Kinder auch in der Mittagszeit und nach der Schule.
Wenn man mit ein Kind zusammen isst und auch mal über den FCZ spricht anstatt nur über Fächer, kann man auf eine andere Art Schule geben, weil man das Kind individueller wahrnimmt und eine
tiefere Beziehung zu ihm entwickelt. So wird der Unterricht für das Kind besser und für den Lehrer einfacher.
Bei aller bildungsmässigen Chancen-ungleichheit für Buben muss man doch festhalten: In den gut bezahlten Berufen und in den Hierarchien sind die Männer noch immer dominant.
Wenn Männer ihre Stellung über Kompetenz halten sollen, dann stehen ihre Chancen in einer Dienstleistungsgesellschaft nicht sehr gut. Denn dort ist Sozialkompetenz gefragt.
Manche Männer ziehen sich in Chefpositionen zurück, weil die Kompetenz dort keine so grosse Rolle mehr spielt.
Würden Frauen nach der Ausbildung alle zu Hause sitzen, wäre das nicht nur eine gewaltige volkswirtschaftliche Verschwendung, sonder wir hätten schlicht keine Kinderärzte oder Lehrer mehr.
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